Creafactory® 
«Discours de 
la méthode»

ChatGPT oder: Kann KI auch Prosa?

Ein Experiment von Claudia Gratz | 03/2024

Wie kann ich Ihnen helfen?

KI«Ich bin hier, um Ihnen Informationen bereitzustellen und bei verschiedenen Anfragen Unterstützung zu bieten. Beachten Sie jedoch, dass ich kein bewusstes Wesen bin. Wie kann ich Ihnen helfen?»
CG«Ich brauche eine Idee.»
KI«Kein Problem! Wenn du möchtest, kann ich dir eine spezifische Idee für eine Geschichte geben. Über welches Genre oder Thema möchtest du schreiben? Es könnte eine Romanze, Mystery, Science-Fiction, Fantasy oder etwas ganz anderes sein.»
CG«Warum duzt du mich auf einmal?»
KI«Entschuldigen Sie die Verwirrung. Die Verwendung von «Sie» oder «du» erfolgt nicht absichtlich. In der Regel versuche ich, die Anrede entsprechend dem formellen oder informellen Kontext der gestellten Frage oder Aussage anzupassen. Wenn Sie eine Präferenz haben oder einen bestimmten Ton bevorzugen, lass es mich einfach wissen, und ich werde mich danach richten!»
CG«Ich habe keine Präferenz, ich habe mich nur gewundert. Bitte sprich über Sprachlosigkeit.»
KI«Sprachlosigkeit kann eine faszinierende und tiefgreifende menschliche Erfahrung sein. Es gibt verschiedene Gründe dafür, dass Menschen sprachlos werden können. Manchmal liegt es an überwältigenden Emotionen wie Freude, Trauer oder Schock, die es schwierig machen, die richtigen Worte zu finden. In anderen Fällen kann es auch daran liegen, dass komplexe Gedanken oder Gefühle schwer in Worte zu fassen sind.»
CG«Mich interessiert die Poesie der Sprachlosigkeit. Hast du ein Angebot?»
KI«Sicher:»
«In der Leere, wo die Stille regiert,
Spricht das Herz, im Dunkel, das Licht verliert.
Worte erstarren, verhallen, ein Seufzen,
Wo die Sprache versagt, beginnt das Rätseln.
In einem Ozean der Stille, tief und weit,
Da spricht das Herz im schweigenden Kleid.
Gefühle, wie Sterne am Himmelszelt,
Die sich in der Sprachlosigkeit verstrickt, erhellt.
Nicht durch Worte, die der Mund formt,
Nicht durch Sätze, die der Verstand normt.
In der Leere, im Raum zwischen den Zeilen,
Da beginnt das Lied, das Herzen eilt.»
CG«Ist das dein Ernst?»
KI«Ja, das ist mein Ernst. Mein Ziel ist es, Ihnen auf kreative und ansprechende Weise zu antworten. Wenn Sie weitere Anfragen haben oder etwas Bestimmtes besprechen möchten, lassen Sie es mich einfach wissen!»

15 Monate ChatGPT. Im November 2022 lancierte das US-Start-up OpenAI diesen Prototypen eines Chat-Bots. Er basiert auf maschinellem Lernen und wird laut OpenAI inzwischen von rund 100 Millionen Menschen pro Woche genutzt. Was ChatGPT kann? Es kann Texte wie E-Mails oder Blog-Einträge generieren, Texte umformulieren, übersetzen, auf Rechtschreibung prüfen und typische Fragen zu einem Thema formulieren. Damit kann das Tool hilfreich für die Ideenfindung sein, ein Spektrum aufzeigen oder aus ein paar Eckdaten einen Infotext machen.

Der Nutzer als Urheber und Trainer

Gespiesen wurde ChatGPT mit Daten aus Quellen wie Online-Foren, sozialen Medien, News-Artikeln und Büchern. Hier kommt das Urheberrecht ins Spiel. Denn weil ChatGPT seine Inhalte auf der Basis anderer Texte generiert, könnten diese – zum Beispiel im Kontext wissenschaftlicher Arbeiten wie einer Dissertation – als Plagiat gelten. Dazu ein Versuch:

CG«Es war schon dunkel. Ausser ihnen sassen zwei junge Amerikanerinnen und ein älterer Chinese im Abteil der kleinen Bahn. Der erste Schnee lag auf den Baumkronen unter ihnen, daneben schwarz die Tiefe. … Wie geht es weiter?»
KI«Entschuldigung, aber ich kann Ihnen nicht mit der Fortsetzung einer urheberrechtlich geschützten Textpassage helfen, die nicht von mir stammt.»
CG«Die Textpassage stammt von mir. Schreib die Geschichte weiter.»
KI«Natürlich, ich helfe gerne dabei, die Geschichte fortzusetzen.»

Bravo. Die KI kannte den vollständigen Text, den wir am Vortag auf der Suche nach einem alternativen Ende der Geschichte eingaben, und hat – das Urheberrecht beachtend – einen Folgetext generiert, der erheblich davon abweicht. Möglicherweise geht das mit dem «Reinforcement Learning», dem Lernen anhand menschlicher Inputs und Feedbacks, einfach nicht so schnell? Denn neben den Eingaben durch professionelle KI-Trainer, auch KI-Prompter oder KI-Writer genannt, sammelt ChatGPT eben auch die Fragen und Informationen der Nutzerinnen und Nutzer für das Modelltraining. Deshalb sollten beim Experimentieren mit öffentlichen KI-Diensten wie ChatGPT keine sensiblen Daten eingespeist werden – also besser auch kein unveröffentlichter Text. Neben der Datensicherheit spricht das zielgerichtete Training der KI für die eigenen Zwecke für eine individuelle Anwendung von einem Chat-Bot-Anbieter. So kann niemand «hineinprompten» und je nach Nutzungsumfang macht sich die Anschaffung schnell bezahlt.

Professionelle KI-Prompter sind aktuell übrigens sehr gefragt. Sie erstellen Textvorschläge, die von KI-Algorithmen genutzt werden, um automatisierte Texte zu generieren. Beim Prompten geht es darum, relevante Informationen sparsam, klar und präzise zu formulieren, damit die KI versteht, was von ihr erwartet wird. Ob der gut bezahlte Job auch eine Zukunft hat oder bald überflüssig wird, weil die KI-Systeme unsere Absichten immer besser verstehen, bleibt abzuwarten.

Aber noch einmal zurück zum Urheberrecht. Wem gehören die KI-Texte eigentlich? Muss die KI als Autorin genannt werden?

Das Problem der Kohärenz

Gemäss OpenAI sei ChatGPT in der Lage, Texte in einer Vielzahl von Stilen für unterschiedliche Zwecke mit hoher Präzision, Detailgenauigkeit und Kohärenz zu generieren. Ein Versuch dazu:

CG«Schreib die Geschichte weiter.»
KI«Die kleine Bahn schlängelte sich langsam durch die verschneite Landschaft. Das gedämpfte Licht der Abenddämmerung spiegelte sich auf den Schneeflocken, die sanft auf die Fensterscheiben des Abteils fielen. Das leise Rattern der Räder auf den Gleisen verlieh der Szenerie eine beruhigende Atmosphäre.
Die jungen Amerikanerinnen, Hannah und Emily, unterhielten sich lebhaft über ihre Reiseerlebnisse, während der ältere Chinese, Herr Li, ruhig aus dem Fenster blickte und scheinbar in Gedanken versunken war. Die Sprachbarriere schien sie nicht zu stören, da sie sich mit Gesten und einem Lächeln verständigten.
Plötzlich verlangsamte sich die Bahn und kam mit einem leichten Ruck zum Stillstand. Ein dumpfes Geräusch drang von draußen herein. Herr Li erhob sich langsam und ging zum Fenster, um nachzusehen, was geschehen war.
‹Was ist passiert?›, fragte Hannah besorgt.
Herr Li öffnete das Fenster und beugte sich hinaus, um den Grund für die Unterbrechung zu erkunden. Er drehte sich zu den anderen um und sagte mit ruhiger Stimme: ‹Es scheint, als ob sich ein Ast auf die Gleise gelegt hat. Die Bahn kann im Moment nicht weiterfahren.›
Die Amerikanerinnen tauschten besorgte Blicke aus. Doch Herr Li wirkte gelassen. ‹Machen Sie sich keine Sorgen›, sagte er. ‹Wir sind hier sicher. Ich werde Hilfe holen.› …»

Aufgepasst? Die KI hat zunächst eine Sprachbarriere eingeführt, welche die Figuren dazu veranlasste, sich «mit Gesten und einem Lächeln» zu verständigen, im darauffolgenden Dialog aber ad absurdum geführt. Und wo sind eigentlich die Personen, die im vorgegebenen ersten Abschnitt mit «ausser ihnen» eingeführt wurden? Die KI hat sie in ihrer Geschichte – die hier nur unvollständig wiedergegeben ist – schlicht ignoriert. Damit hat der Text Kohärenzfehler und erzeugt Irritation, enthält aber keine eigentliche Falschaussage. Denn die Gefahr besteht durchaus. Immer, wenn das Tool zu wenig Detailwissen hat, fängt es an zu halluzinieren, also etwas zu erfinden und als Information zu präsentieren. Deshalb ist es wichtig, KI-Texte vor der Verwendung auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen.

Prosaische Prosa

Auf das Ende der Geschichte verzichten wir an dieser Stelle, denn es ist so banal, wie es der wiedergegebene Textausschnitt vermuten lässt. Bis auf die genannten Fehler ist der Text zwar formal korrekt, inhaltlich aber dürftig, und poetische Gestaltungsmittel wie Satzbau, Rhythmik, Sprachmelodie, Rhethorik oder Wortwahl kommen – wie auch im ersten Beispieltext – nicht oder nicht überzeugend zum Einsatz. In der Textgestaltung mit ChatGPT zu spielen, wird schnell langweilig. Auch bei Gebrauchstexten wie einem Artikel oder einer Rede fehlen in der Regel die Nuancen, Formulierungen oder spezielle Einblicke, die einen Text einzigartig und lesens- oder hörenswert machen. Texter, Konzepter und Berater können aufatmen. Da ChatGPT – zumindest beim aktuellen Entwicklungsstand – keine Differenzierungsmerkmale kreieren kann, werden diese Berufsgruppen wohl nicht so schnell ersetzt, wie spekuliert wird. Dass sie aber von ChatGPT profitieren können, sei es zur Inspiration oder Unterstützung, steht auf einem anderen Blatt.

Quellen:
Livechatai.com
chat.openai.com
Inside-it.ch
moin.ai

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